Wie mache ich eine Standortbestimmung in Mathematik?
Beantwortet von Lukas Lutz, schulischer Heilpädagoge in St. Gallen · Aktualisiert am
Kurz gesagt
Eine Standortbestimmung in Mathematik gelingt in zwei Schritten: zuerst eine Klassenprobe von 20 Minuten zu den Grundlagen der Vorjahre, dann Einzelgespräche von fünf Minuten mit den Kindern, die auffallen. Dabei zählt nicht nur, ob das Ergebnis stimmt, sondern wie das Kind rechnet: Ruft es die Aufgabe ab, leitet es sie ab, oder zählt es? Zählendes Rechnen zeigt, wo die Förderung ansetzen muss.
Nach den Sommerferien ist vieles weg, was im Juni noch sass. Eine Standortbestimmung zeigt dir, wo die Klasse steht, bevor der neue Stoff beginnt. Dafür braucht es keinen langen Test.
Schritt 1: Klassenprobe zu den Grundlagen (20 Minuten)
Prüfe nicht den Stoff des neuen Schuljahres, sondern die Voraussetzungen dafür. Drei bis fünf Aufgaben pro Bereich genügen.
| Zeitpunkt | Was du prüfst |
|---|---|
| Anfang 1. Klasse | Mengen bis 10 erfassen, vorwärts und rückwärts zählen, Zahlen bis 10 vergleichen |
| Anfang 2. Klasse | Zerlegungen bis 10, Plus und Minus bis 20 mit Zehnerübergang, Verdoppeln |
| Anfang 3. Klasse | Orientierung bis 100, Zehner und Einer, Plus und Minus bis 100, erste Malaufgaben |
| Anfang 4. Klasse | Einmaleins-Kernaufgaben, Stellenwert bis 1000, halbschriftliches Rechnen |
Schritt 2: Einzelgespräche mit auffälligen Kindern (je 5 Minuten)
Die Probe zeigt dir, wer Fehler macht. Warum, erfährst du nur im Gespräch. Lass das Kind eine Aufgabe laut lösen und frag nach: «Wie hast du das gerechnet?», «Geht es auch anders?», «Zeig es mir mit den Plättchen.»
| Strategie | Woran du sie erkennst | Was sie bedeutet |
|---|---|---|
| Abrufen | Das Ergebnis kommt sofort. | Die Aufgabe ist automatisiert. |
| Ableiten | «7 + 8, das ist 7 + 7 und eins mehr.» | Das Zahlverständnis trägt. |
| Zählen | Finger, Nicken, leises Murmeln, langes Zögern | Das Fundament fehlt. Hier setzt die Förderung an. |
Ein Kind, das in der 2. Klasse alles zählend löst, braucht Förderung am Fundament, auch wenn seine Ergebnisse stimmen. Woran du das zählende Rechnen erkennst, beschreibt der Beitrag Fingerzählen abgewöhnen.
Schritt 3: Auswerten und Gruppen bilden
- Ordne die Kinder nach Bereichen, nicht nach Gesamtpunktzahl. Wer beim Zehnerübergang hängt, braucht etwas anderes als ein Kind, das beim Stellenwert unsicher ist.
- Bilde für die ersten Wochen zwei bis drei Fördergruppen.
- Hol bei Kindern, die an mehreren Grundlagen scheitern, die SHP dazu.
- Wiederhole eine kurze Probe nach den Herbstferien, um die Wirkung zu sehen.
Laufend statt einmal im Jahr
Eine adaptive App ergänzt die Probe. Sie liest das Niveau aus dem Antwortverhalten ab, ohne dass die Kinder einen Test spüren. Mit Lernland siehst du nach wenigen Übungseinheiten im Cockpit, wo jedes Kind steht, und kannst den Stand als PDF exportieren. Das Einzelgespräch ersetzt das nicht. Es zeigt dir aber schneller, mit wem du es führen solltest.
Bleibt ein Kind trotz gezielter Förderung über Monate bei Mengen, Zerlegen oder Zehnerübergang hängen, besprechen Klassenlehrperson, SHP und Eltern eine Abklärung, meist beim Schulpsychologischen Dienst. Eine Dyskalkulie-Diagnose stellen Fachstellen, nicht die Schule.
Passendes Material
- Arbeitsblätter Mengen erfassenFür die Probe am Anfang der 1. Klasse, gratis mit Lösungen.
- Arbeitsblätter Zehnerübergang am 20er-FeldFür die Probe am Anfang der 2. Klasse, drei Stufen.
- Arbeitsblätter Zahlen im HunderterfeldFür die Probe am Anfang der 3. Klasse.
- Was ich bei Dyskalkulie beobachteSieben Beobachtungen aus der heilpädagogischen Praxis.


