Ich bekomme regelmässig Anrufe von Eltern und Lehrpersonen, die fragen: «Könnte das Dyskalkulie sein?» Die ehrliche Antwort ist immer dieselbe. Erst muss man genau hinschauen, bevor man ein Etikett vergibt. Hier ist, worauf ich in der Förderung achte.
Eine Dyskalkulie zu diagnostizieren ist Sache eines schulpsychologischen Dienstes. Aber erkennen, dass etwas nicht stimmt, das kann jede Lehrperson und jedes Elternteil. Ich beschreibe hier sieben Beobachtungen aus meinem Berufsalltag als Schulischer Heilpädagoge. Wenn mehrere davon auf ein Kind zutreffen, lohnt sich ein genauer Blick.
Diese Liste ersetzt keine fachliche Abklärung. Sie hilft dir, gezielter zu beobachten und ein fundiertes Gespräch mit Lehrperson oder Heilpädagog:in zu führen.
Beobachtung 1: Das Kind zählt heimlich
Klassische Szene aus meiner Förderstunde: Ich frage «Wieviel ist 6 plus 3?», und das Kind sagt nach drei Sekunden «9». Klingt gut. Wenn ich genau hinschaue, sehe ich aber, wie die Finger unter dem Tisch mitwandern. Oder die Lippen bewegen sich leise. Oder der Kopf nickt im Rhythmus mit.
Das ist zählendes Rechnen. In der 1. Klasse völlig normal. In der 3. Klasse ein klares Signal: Die Mengen 6 und 3 sind nicht als Ganzes verfügbar, sondern müssen jedes Mal neu durchzählt werden. Das ist Energie, die das Kind nicht für nächste Schritte hat.
Beobachtung 2: Würfelbilder werden gezählt
Ich lege einen Würfel hin und zeige die Vier. Ein typisch entwickeltes Kind sagt sofort «Vier». Ein Kind mit fehlender Simultanerfassung sagt «Eins – zwei – drei – vier».
Das ist kein Detail. Wer Mengen bis 6 nicht auf einen Blick erkennt, kann keine sinnvolle Vorstellung von 17, 34 oder 89 entwickeln. Das ganze Stellenwertsystem hängt daran.
Beobachtung 3: Rückwärtszählen ist eine Mauer
Frag dein Kind: «Zähl mal von 20 rückwärts.» Die meisten typisch entwickelten Kinder im 2.–3. Schuljahr machen das flüssig. Kinder mit Rechenschwierigkeiten stocken, beginnen wieder vorwärts, oder müssen die Zahlenreihe heruntersagen, um die Folgezahl zu finden.
Rückwärtszählen ist die Grundlage für Subtraktion. Wenn das nicht sitzt, ist Minus später ein Ratespiel.
Beobachtung 4: Mengenvergleiche fühlen sich willkürlich an
«Sind 7 oder 9 mehr?» Bei normaler Entwicklung kommt die Antwort prompt. Bei Kindern mit Dyskalkulie sehe ich manchmal Raten, manchmal Zählen am Zahlenstrahl, manchmal die Antwort, die als letztes gesagt wurde.
Hinter Mengenvergleichen steht der mentale Zahlenstrahl – eine räumliche Vorstellung davon, wie Zahlen angeordnet sind. Wer den nicht hat, kann nicht abschätzen, ob 67 + 9 ungefähr 70 oder eher 150 sein wird.
Beobachtung 5: Der Zehnerübergang bleibt stehen
8 + 5 wird zur dauerhaften Hürde. Auch nach Monaten Übung. Das ist ein klassisches Signal, weil der Zehnerübergang zwei Voraussetzungen gleichzeitig verlangt: die Zerlegung von 5 in 2 und 3, und das Wissen, dass 8 + 2 = 10 ist. Fehlt eines davon, bleibt das Kind hängen.
In der Förderung gehe ich hier immer einen Schritt zurück: zuerst die Zahlzerlegungen unter 10 sichern. Erst dann den Zehnerübergang. Viele Kinder, die «Plus nicht können», können in Wahrheit «Zahlzerlegung nicht». Mehr dazu in meinem Beitrag zum Zehnerübergang.
Beobachtung 6: Die Uhr will sich nicht erschliessen
Auch in der 3. Klasse noch keine sichere Uhrzeit? Das ist auffällig. Die Uhr verbindet drei Dinge: die Zahlenreihe bis 60, ein räumliches Bild (das Zifferblatt), und zwei Skalen gleichzeitig (Stunden und Minuten). Wer in einer dieser Dimensionen wackelt, hat es schwer.
Das gilt analog für Geld, Längen, Gewichte. Alles, was Zahl + Skala verlangt.
Beobachtung 7: Vermeidung ist ein lautes Signal
Das deutlichste Zeichen ist oft das einfachste. Das Kind will keine Mathe-Hausaufgaben machen. Bekommt Bauchweh am Mathe-Tag. Sagt «Ich bin halt nicht so der Mathe-Typ.» Mit acht Jahren.
Kinder vermeiden, was sie als beschämend erleben. Wer ständig vor der Klasse falsch antwortet, schützt sich. Das ist nicht Faulheit. Das ist Selbstschutz.
Eine kleine Beobachtungshilfe für zu Hause
Wenn du dir unsicher bist, mach den folgenden Mini-Check in einer ruhigen Minute. Ohne Druck. Ohne «das ist jetzt ein Test». Einfach im Spiel.
| Was du testest | Wie du es testest | Was auffällig wäre |
|---|---|---|
| Simultanerfassung | Zwei Würfel kurz zeigen, dann verstecken. «Wie viele Punkte?» | Muss erkennbar zählen, statt sie zu sehen |
| Rückwärtszählen | «Zähl von 12 rückwärts bis 4.» | Stockt, beginnt vorwärts, vergisst Zahlen |
| Zahlzerlegung | «Wie kannst du 8 zerlegen?» – möglichst viele Wege | Nennt nur 4+4 oder bleibt ganz hängen |
| Schätzen | Handvoll Knöpfe zeigen. «Sind das mehr oder weniger als 20?» | Antwortet zufällig, statt zu schätzen |
| Mengenvorstellung | «Steht die 67 näher bei 0 oder näher bei 100?» | Rät, oder rechnet umständlich |
Was als Nächstes
Wenn dir mehrere dieser Punkte bekannt vorkommen, ist die wichtigste Botschaft: Du hast nichts übersehen. Du siehst es jetzt. Damit fängt jede gute Förderung an. Die nächsten Schritte:
- Mit der Lehrperson sprechen. Konkret schildern, was du beobachtet hast. Nicht «sie ist schlecht in Mathe», sondern «sie zählt noch mit den Fingern und kann Würfelbilder nicht erkennen».
- Schulischer Heilpädagoge oder schulpsychologischer Dienst. In der Schweiz die Anlaufstelle für Abklärungen. Eine Diagnose dauert mehrere Termine, das ist normal.
- Den Druck rausnehmen. Bis die Förderung greift, kein Kind mit Aufgaben überschütten, bei denen es scheitert. Lieber tieferes Niveau, aber Erfolgserlebnisse.
- Werkzeuge wählen, die mitwachsen. Hier kommt Lernland ins Spiel – die App geht automatisch dorthin zurück, wo die Lücken sind, statt das Kind im aktuellen Stoff zu prügeln.
Wie ich Lernland für diese Kinder gebaut habe
Ich habe Lernland aus genau diesen Beobachtungen heraus gebaut. Die App fängt bei den Vorläuferfähigkeiten an – Simultanerfassung, Mengenvergleich, Zahlzerlegung – und arbeitet sich erst dann an Plus, Minus und Zehnerübergang heran. Mit der Eisernen Ration, dem Voraussetzungs-Mapping, das verhindert, dass ein Kind im 100er-Raum übt, solange der 20er-Raum nicht sitzt.
Das Kind soll Erfolg erleben, nicht Üben. Erfolg ist das, was Lernen am Laufen hält.
Häufige Fragen aus meiner Praxis
Ab welchem Alter sollte ich aufmerksam werden?
Erste Hinweise gibt es im Kindergarten – Schwierigkeiten beim Abzählen, fehlende Mengenvorstellung, kein Interesse an Zahlen. Klare Auffälligkeiten zeigen sich meist im 2. Schuljahr, wenn die Mitschüler:innen die Grundlagen automatisieren und das eigene Kind zurückbleibt.
Mein Kind hat alle 7 Punkte. Heisst das Dyskalkulie?
Nein, das ist eine Beobachtung, keine Diagnose. Es kann Dyskalkulie sein. Es kann auch eine grosse Lücke aus der Kindergarten-Zeit sein, ein Sprachthema, ADHS-Begleiteffekte oder schlicht zu schnelles Tempo der Klasse. Eine Abklärung klärt das.
Hilft eine App allein?
Eine App ist ein Werkzeug, kein Ersatz für gute Förderung. Lernland kann das tägliche Üben übernehmen und durch die adaptive Schwierigkeit Lücken systematisch schliessen. Die Beziehung zu einer Bezugsperson, die das Kind ernst nimmt, ersetzt sie nicht.
Wie schnell sehe ich Fortschritte?
Bei sauberer Förderung sind erste Veränderungen nach 4–6 Wochen sichtbar. Nicht im Lernstand, sondern in der Haltung. Das Kind weigert sich weniger, beginnt selbst zu fragen, traut sich an Aufgaben. Der Lernfortschritt folgt dann.
Was, wenn die Lehrperson sagt, ich solle abwarten?
Höflich, aber bestimmt nachhaken. Frag konkret nach: «Welche Hinweise wären dir wichtig, damit wir gemeinsam handeln?» Wenn die Antwort vage bleibt, suchst du selbst den Kontakt zum schulpsychologischen Dienst. Niemand verbietet dir das.


