Was ist ein Nachteilsausgleich in Mathematik, und wer bekommt ihn?
Beantwortet von Lukas Lutz, schulischer Heilpädagoge in St. Gallen · Aktualisiert am
Kurz gesagt
Ein Nachteilsausgleich passt die Bedingungen an, unter denen ein Kind lernt und geprüft wird, ohne die Lernziele zu senken: mehr Zeit, eine angepasste Aufgabenform, Hilfsmittel oder ein ruhiger Raum. Anspruch haben Kinder mit einer ausgewiesenen Beeinträchtigung, etwa Dyskalkulie, ADHS oder Autismus. Grundlage ist meist eine Abklärung beim Schulpsychologischen Dienst. Die genauen Regeln legt jeder Kanton fest.
Darf ein Kind mit Dyskalkulie eine Einmaleinstabelle benutzen? Steht der Nachteilsausgleich im Zeugnis? Hier die Grundsätze, die in der Deutschschweiz weitgehend gelten. Für den Einzelfall sind die Richtlinien deines Kantons massgebend.
Nachteilsausgleich oder angepasste Lernziele?
| Nachteilsausgleich | Angepasste (individuelle) Lernziele | |
|---|---|---|
| Lernziele | bleiben gleich wie in der Klasse | werden für das Kind angepasst |
| Was sich ändert | die Bedingungen: Zeit, Form, Hilfsmittel, Raum | die Inhalte und Anforderungen |
| Für wen | Kinder mit ausgewiesener Beeinträchtigung, die die Ziele grundsätzlich erreichen können | Kinder, die die Ziele auch mit Unterstützung nicht erreichen |
| Zeugnis | in der Regel kein Vermerk | Vermerk, Beurteilung an den individuellen Zielen |
Ein Nachteilsausgleich macht eine Prüfung nicht leichter, sondern fairer. Werden die Anforderungen gesenkt, handelt es sich um angepasste Lernziele. Diese Unterscheidung sorgt in der Praxis am häufigsten für Missverständnisse.
Typische Massnahmen in Mathematik
- Mehr Zeit bei Prüfungen, zum Beispiel ein Viertel zusätzlich.
- Weniger Aufgaben pro Blatt, mehr Weissraum, eine Aufgabe nach der anderen.
- Textaufgaben vorlesen, wenn zusätzlich eine Leseschwäche besteht.
- Hilfsmittel, sofern sie nicht das geprüfte Ziel ersetzen.
- Ein ruhiger Raum oder kurze Pausen, etwa bei ADHS.
- Einzelne Aufgaben mündlich statt schriftlich.
Ein Hilfsmittel darf nicht die Kompetenz ersetzen, die geprüft wird. Bei einer Einmaleins-Prüfung ist eine Einmaleinstabelle ausgeschlossen. Bei einer Sachaufgabe, in der es ums Mathematisieren geht, kann sie erlaubt sein.
So läuft das Verfahren meistens ab
- Lehrperson oder SHP beobachten anhaltende Schwierigkeiten trotz Förderung und besprechen sie mit den Eltern.
- Eine Fachstelle klärt ab, meist der Schulpsychologische Dienst.
- Meist stellen die Eltern den Antrag, die Schulleitung entscheidet.
- Die Massnahmen werden schriftlich festgehalten und allen Lehrpersonen des Kindes mitgeteilt.
- Der Nachteilsausgleich wird regelmässig überprüft, in der Regel jährlich und beim Stufenübertritt.
Ein Nachteilsausgleich ersetzt keine Förderung
Der Ausgleich schafft faire Bedingungen, baut aber keine Kompetenz auf. Ein Kind mit Dyskalkulie braucht zusätzlich Förderung am Fundament: Mengen, Zahlzerlegung, Zehnerübergang. Wie das im Unterricht aussieht, steht im Beitrag Rechenschwäche in der Klasse. Für das tägliche Üben eignet sich eine App, die auf dem Niveau des Kindes ansetzt, ohne es vor der Klasse vorzuführen, zum Beispiel Lernland.
Die Regeln zum Nachteilsausgleich unterscheiden sich zwischen den Kantonen. Verbindlich sind die Merkblätter und Richtlinien deines kantonalen Volksschulamts. Diese Seite gibt einen Überblick aus der Praxis.


